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Schwarze Grüße...
Mal ein etwas anderes Genre...

Name: Schwarze Grüße aus der Vergangenheit
Typ: Detektiv Conan
Genre: Drama
Altersempfelung: 12
Pairing:
Gin/Sherry ?
Rechte: Gosho Aoyama (Charaktere)

Kurzbeschreibung:

Nachdem es Ai Haibara gelungen ist das Antitoxin für APTX4869 herzustellen, beginnt sie als Shiho Miyano ein neues Leben. Doch eines Abends bekommt sie Besuch von einem alten Bekannten, den sie am liebsten für immer vergessen hätte: Gin...


Noch einmal danke ich Shironeko für's Korrekturlesen  

Schwarze Grüße aus der Vergangenheit


Etwas kühles, Feuchtes ließ mich aufblicken. Ich wandte mein Gesicht zu dem leicht bewölkten Abendhimmel und ließ den Blick schweifen. Einzelne Schneeflocken verirrten sich auf meine helle Haut und in mein rotblondes Haar und hinterließen kleine Pünktchen.
Ich mochte Schnee schon immer. Er hatte etwas Geheimnisvolles, Verwegenes an sich, das mich jedes mal erschaudern ließ.

Auch jetzt brannten sich dich Kristalle in meine Haut und ließen mich zittern. Langsam setzte ich meinen Weg durch die Straßen von Beika fort und seufzte leise, während ich meine Hände anstarrte. Ich konnte mich einfach nicht an diesen Anblick gewöhnen. Wie lange war es her, dass ich zuletzt diese Hände gesehen hatte? Die Hände einer jungen Frau, denn seit etwa einem Monat war Ai Haibara wieder Shiho Miyano.

Kaum hatte ich zögerlich begonnen mich an meinen Kinderkörper zu gewöhnen, war mir der Durchbruch bei der Herstellung des Antitoxins für das ATPX4869 gelungen.
Zwei Jahre lang hatten Shinichi Kudo und ich in unseren geschrumpften Körpern ausharren müssen, bis es mir endlich gelang eine dauerhafte Lösung für unser Problem zu finden.

Als ich auf dem richtigen Weg zum erwarteten, erhofften Ergebnis war, hatte ich nächtelang nicht geschlafen, kaum gegessen und war erst recht nicht vor die Tür gegangen. In der Schule sagte man, ich hätte eine schwere Grippe. Das hatte den Kindergarten, wie ich Ayumi, Mitsuhiko und Genta immer nannte, natürlich nicht davon abgehalten bei Professor Agasa vorbeizuschneien. Zum Glück war ich mit etwas schauspielerischem Talent gesegnet.

Die Kinder. Ich seufzte erneut, während ich in meinem zwanzigjährigen Körper durch den Schnee stapfte. Für sie war ich jetzt zurück nach Amerika geflogen, wo ich mich von meiner Krankheit erholen und dann dort auf ein Internat gehen würde. Meine geheime Hoffnung war, dass sie mich nie mehr sehen und so auch nie den kleinsten Verdacht auf die Wahrheit herausfinden würden. Meine Ähnlichkeit mit Ai Haibara war schließlich nicht zu leugnen.

Mittlerweile war ich vor meinem Haus angekommen. Ich hatte einen kleinen Job in einer Apotheke gefunden, von dem es sich wohl ganz gut leben lassen würde. Zum Beginn meines ‚neuen‘ Lebens hatten Shinichis Eltern mir ein Mietshaus organisiert, deren Besitzerin, die gerade beruflich in Amerika unterwegs war, sie kannten. Sozusagen als Dank, dass ich ihren Sohn wieder normalisiert hatte. Welche Farce, schließlich hatte ich ihn zu dem kleinen Jungen gemacht und ihn so gezwungen in dem Körper eines Grundschülers fest zu hocken.

Ich linste in den Briefkasten und fischte in der Handtasche nach meinem Schlüssel. Mit zitternden Fingern schloss ich den weißen Metallbehälter auf und holte zwei weiße Umschläge, adressiert an Shiho Miyano, heraus.
Ich hatte mich dazu entschlossen, meinen Namen nicht zu ändern, auch wenn alle versucht hatten mich umzustimmen. Die Organisation suchte immer noch nach mir, daran bestand kein Zweifel, wohl aber daran, dass sie im Telefonbuch nachschlagen würden.

Oft schon hatte ich aus lauter Panik überlegt, ob es doch besser wäre, mir eine neue Identität zuzulegen, doch dann verwarf ich den Gedanken wieder. Dass sie mich über das Telefonbuch finden würden, war noch unwahrscheinlicher, als jemanden von ihnen auf der Straße zu treffen. Und Gott, falls es ihn gab, sollte mich davor bewahren.
Erneut aktivierte ich meinen Schlüsselbund und schloss die Haustür auf.

Es war ein kleines Haus, aber für mich allein reichte es völlig aus und ich kam sehr gut darin zurecht. Es war ja schließlich nicht so, dass ich zum ersten mal alleine wohnte, auch wenn es ohne den Professor und seine verrückten Ideen manchmal etwas still und einsam war.
Allerdings hielt ich es für besser sein Haus so schnell wie möglich zu verlassen, falls mich ein Organisationsmitglied doch auf der Straße erkennen sollte. So konnte ich ihn, die Kinder und Shinichi vielleicht aus der Sache heraushalten.

Ein warmer Luftzug kam mir entgegen und lud mich förmlich ein. Ich hängte meinen Mantel an die Garderobe, zog meine Schuhe aus und schloss die Tür zweimal ab. Ein tägliches Ritual: Wann immer ich nach Hause kam schloss ich die Tür ab, sah nach ob alle Fenster verriegelt waren und machte meinen geschlichenen Rundgang durch das Haus.
Reiner Selbsterhaltungstrieb, sagte ich mir immer wieder, doch in Wahrheit war es einfach nur Angst. Angst, dass sich vielleicht jemand aus der Organisation Zutritt verschafft hatte und nun auf mich lauerte.

Ich glitt zu einem kleinen Schrank, öffnete eine Schublade und zog meine Beretta hervor. Sie war ein Überbleibsel von meiner Zeit in der Organisation. Es war dieselbe Waffe, die auch er trug. Vorsichtig kontrollierte ich die Munition und begann meine abendliche Patrouille. Ich schaute in jedem Raum, in jedem Schrank und unter allen Sofas nach. Sogar die Dusche blieb nicht verschont. Fehlte nur noch mein Schlafzimmer.
„Du machst dir zu viele Gedanken, Shiho.“ murmelte ich mir selbst zu und schüttelte den Kopf.

Ich lauschte kurz und kontrollierte auch hier, nicht ohne auf meine Deckung zu achten. Plötzlich erklang ein leises Knarzen, das mich zusammen fahren ließ. Ich brauchte einige Momente um zu erkennen, dass das Geräusch mein eigener Schritt auf dem Holzboden gewesen war. Erleichtert verließ ein Seufzer meine Kehle. Ich warf schnell einen Blick in den Schrank und unter das Bett, als mich etwas stocken ließ. Ein blutrotes Blütenblatt lag auf dem Boden.

Mein Herz begann heftig zu klopfen und mein Puls überschlug sich fast. Zitternd griff ich nach dem Blatt, drehte es in meinen Händen und sprang auf um tief  Luft zu holen.
„Ruhig, Shiho, ruhig. Du bekommst doch langsam Paranoia. Du bist bestimmt an einen Rosenbusch vorbeigegangen und es ist zufällig ein Blättchen hängen geblieben. Oder als es gestern Abend so windig war und du das Fenster zu lange geöffnet hattest. Kein Grund zur Panik.“ versuchte ich mir zu beruhigen. Normalerweise klappte das so ganz gut, aber der Tag heute war anstrengend gewesen. Ich war müde, erschöpft und nach der langen Woche flatterten meine Nerven.

Glücklicher Weise war morgen Sonntag, mein freier Tag, und so konnte ich den Abend etwas ruhiger ausklingen lassen. Soweit das bei mir möglich war. Mit immer noch wachsamem Blick stieg ich die Stufen zur unteren Etage hinab und verstaute die Pistole wieder in ihrem Versteck. Ich beschloss, dass ein Tee nicht schaden könnte und setzte heißes Wasser auf, während ich den Abwasch vom Morgen erledigte. Ich aß nicht besonders viel in letzter Zeit und schaffte es wohl so, auch ohne Sport eine anständige Figur zu behalten, auch wenn ich zugeben musste, dass ich fast etwas zu dünn war.

Der Wasserkocher zeigte mir pfeifend, dass er fertig war. Ich entschied mich für eine Kräuterteemischung und überschüttete einen Aufgussbeutel mit heißem Wasser. Während der Tee zog, setzte ich mich an das Küchenfenster und blickte hinaus auf die Straße. Ich mochte es, abends hinauszusehen. Es war fast nichts los, nur hin und wieder fuhr ein Auto vorbei, oder ein  verspätetes Eichhörnchen kreuzte den Weg und verschwand in einem der kahlen Bäume.

Der Himmel verdunkelte sich immer mehr, und die einzelne Straßenlaterne wurde angeschaltet, während der Schnee immer mehr wurde und die Stadt in eine Eislandschaft verwandelte. Früher hatte Schnee mich immer beruhigt, aber seit dem Vorfall auf dem Haido City Hotel, machte er mir Angst. Manchmal beruhigte er mich, so wie auf meinem Heimweg, aber vermischt mit der Dunkelheit, ließ er die schmerzhaften Erinnerungen wieder aufblitzen. Seltsamerweise änderte das nichts daran, dass ich ihn trotz Angst irgendwie mochte, und dass der Winter meine liebste Jahreszeit war.

Mein Blick war immer noch auf die Straße gerichtet. Wie sooft fragte ich mich, ob ich irgendwann auch einmal hier sitzen könnte, ohne Angst zu haben. Jedes dunkle Auto, das vorbeifuhr, ließ mich zusammen zucken. Natürlich war jenes schwarze Auto, ein sehr schöner Porsche 356A, nie dabei, aber ich bekam jedes Mal eine Gänsehaut, wenn mir ein solches oder ähnliches Vehikel zu nahe kam.
Vor allem an diesem Abend, als etwas anders war.

Ich vermisste etwas. Jemanden. Um genau zu sein: Shinichi. Er dachte immer, ich würde es nicht bemerken, aber jeden Abend um neun Uhr lief er an meinem Küchenfenster vorbei, blieb kurz stehen und vergewisserte sich mit Argusaugen, dass es nicht irgendwo ein Anzeichen für die Männer in Schwarz gab.
Heute kam er nicht. Wahrscheinlich war er wieder an einem sehr wichtigen Fall dran.
Unwillkürlich seufzte ich auf und trank gierig einige Schlucke aus der Tasse. Ein Schauer lief mir über den Rücken, als ein Autoscheinwerfer aufblitzte und das dunkle Fahrzeug brummend an meinem Fenster vorüber fuhr.

Genervt von mir selbst verdrehte ich die Augen und kippte den Rest Tee in den Abfluss der Spüle.
Es war schon dunkel draußen und die spärliche Straßenbeleuchtung wurde wie immer sehr spät aktiviert. Erneut fröstelte es mich. Shinichi würde nicht mehr kommen, sagte ich mir, also hatte es auch keinen Sinn auf ihn zu warten. Leise schlich ich aus der Küche, nachdem ich natürlich noch einmal das Fenster kontrolliert hatte. Das Gleiche geschah mit den anderen Räumen im Erdgeschoss und der Haustür.

Ich löschte das Licht und stieg die knarrende Treppe hinauf, die mir wieder eine Heidenangst einjagte. Ich sollte wirklich dringend einen Handwerker kommen lassen, der sich das gute Stück einmal genauer besah. Aber zuerst musste ich eine Menge verdienen und außerdem gehörte das Haus auch nicht mir. Ich vermied es, mir weiterhin Gedanken darüber zu machen und beschloss vor dem Schlafengehen noch eine ausgedehnte heiße Dusche zu nehmen.

Ordentlich legte ich meine ausgezogene Kleidung auf den Toilettendeckel, nachdem ich auch im Badezimmer das Licht angeschaltet und die Tür fest verschlossen hatte. Ich rollte wieder mit den Augen. Nicht einmal ohne weiteres duschen konnte ich. Jedenfalls nicht, ohne gleich an Psycho zu denken. Ich erschauderte und blickte aus dem Fenster. Unwillkürlich musste ich erneut an Shinichi denken.

Wir waren wirklich gute Freunde geworden. Ich hätte damals, als ich ihn kennen gelernt hatte, niemals damit gerechnet, doch die Zeit hatte uns näher aneinander gebracht.  
Zwischenzeitlich, am Anfang, hatte ich sogar mehr Gefühle als Freundschaft für ihn. Weit mehr: Geborgenheit, Verbundenheit, Verliebtheit…
Hass hatte ich zunächst für seine Freundin Ran empfunden. Sie hatte mich mit ihrer lieben und gütigen Art zu sehr an Akemi erinnert. Danach war ich eifersüchtig auf sie, denn Shinichis Gefühle für sie waren eindeutig.

Mittlerweile hatte ich jedoch verstanden, dass die beiden wirklich zusammengehörten und meine leise Verliebtheit war abgeklungen.
Auch zu Ran war ich freundlicher. Ich mochte sie zwar nicht wirklich, aber ich akzeptierte als seine Freundin. Wie gesagt, er und ich waren nur gute Freunde.
Der Grund, aus dem meine Schwärmerei bereits abgeklungen war, war, dass bereits jemand ganz anderes in meinem Kopf herum spukte. Bei dem Gedanken lief mir erneut ein Schauer über den Rücken.

Hastig wandte ich mich vom Fenster ab und stieg unter die Dusche. Das heiße Wasser tat meinen verspannten Muskel mehr als gut. Ich versuchte die finsteren, rabenschwarzen Gedanken zu verscheuchen, aber dauernd sah ich ihn vor mir.
Bevor ich Shinichi kennen gelernt hatte, liebte ich einen anderen Mann. Ich wusste nicht, ob ich gerne an unsere gemeinsame Vergangenheit dachte, oder nicht. Ehrlich gesagt, hasste ich meine Vergangenheit und er war damals neben Akemi der einzige Lichtblick gewesen. Bis er sie umgebracht hatte.

Hätte ich nicht unter dem Wasserstrahl gestanden, so hätte man vermutlich die zwei einzelnen Tränen gesehen, die über meine Wangen rollten, doch so bemerkte ich selbst sie nur am Rande.
Es war immer noch schwer für mich an meine Schwester zu denken. Sie war zwar nicht erst seit gestern tot, aber ich vermisste sie trotzdem sehr und war immer den Tränen nahe.
Geistesabwesend wusch ich mein Haar und genoss den dichten Dampf, der das fruchtige Aroma von Kokos in meine Nase trieb.

Ein letztes mal genoss ich noch die Hitze des Wassers, ehe ich den Hahn abstellte und es schlagartig still wurde. Ich hasste Stille. Sie machte mir oft Angst, besonders wenn sie so plötzlich kam. Seufzend öffnete ich die Tür der Kabine.
„Stell dich nicht so an.“ murmelte ich zu mir selbst und schlang ein großes Handtuch um meinen Körper. Danach rubbelte ich mir mit einem Kleineren die kurzen rotblonden Haare trocken.
Kurz spürte ich einen leichten Schmerz und stellte fest, dass mir ein Fingernagel eingerissen war.

Leise fluchend knotete ich das große Handtuch um meine Brust und warf das andere ärgerlich auf den Boden. Ich musste sowieso waschen.
Ich griff nach der kleinen Nagelschere, die auf der Ablage über dem Waschbecken lag und blinzelte. Der Dampf des Wassers reizte meine Augen.
„Ich sollte nicht mehr so heiß duschen.“ sagte ich zu mir selbst. Selbstgespräche halfen mir immer und vertrieben die so beängstigende Stille. Ich hatte nicht gern eine Tür im Rücken, wie es hier der Fall war, also redete ich und warf immer wieder einen Blick in den Spiegel, der sie mir hinter mir zeigte.

Ich wollte gerade erneut zu einem Monolog ansetzten, als ich mich mit der Spitze der Schere schnitt.
„Verdammt!“ fluchte ich erneut und sah, wie ein rubinroter Tropfen das weiße Porzellan des Waschbeckens. Langsam bahnte er sich seinen Weg in den Abfluss, wie ich bedauernd feststellte. Ich mochte die Farbe von Blut. Rot faszinierte mich und die Farbe von Blut war meiner Meinung nach die Schönste. Solange das Blut nicht zu viel von meinem war, versteht sich.

Wie gebannt starrte ich den rotweißen Kontrast an und vergaß alles um mich herum. Ich hatte Shinichi einmal von meiner Lieblingsfarbe Blutrot erzählt und er hatte mich nur schief von der Seite angeguckt. Er mochte Keines, vermutlich weil es nur allzu oft mit Mord und Totschlag zu tun hatte. Für ihn war meine Lieblingsfarbe ein Synonym für Skrupellosigkeit.
Und davon hatte ich offenbar genug, denn ich hatte mit Freude verschiedene Gifte für die Organisation hergestellt und für weiteres Blutvergießen gesorgt. Im übertragenen Sinne natürlich. Manchmal dachte ich sogar, dass ich bis unter den Haaransatz verdorben war, doch dann dachte ich an Menschen wie Vermouth und kam zu dem Schluss, dass es wirklich schlimmer hätte sein können.

Hinter mir hörte ich ein leises Klicken. Mein Blick fuhr nach oben, und dass was ich im Spiegel sah, ließ mein Blut in den Adern gefrieren. Hinter mir stand er, der Mörder meiner Schwester. Hinter mir stand Gin, meine persönliche Nemesis.
Ich sah sein kaltes Lächeln und öffnete meinen Mund zu einem lautlosen Schrei.
„Ich habe dich so sehr vermisst…Sherry.“

Ich rang verzweifelt nach Atem und ließ ihn keine Sekunde aus den Augen. Meine Hände krallten sich an das weiße Porzellan, mein Blick im Spiegel fiel auf seine Pistole und schoss dann zwischen Tür und Fenster hin und her. Das Fenster war geschlossen und ich befand mich im ersten Stock; zu hoch um zu springen. Und die Tür…wahrscheinlich hätte er mich schneller erschossen als ich überhaupt versucht hätte zu entkommen. Meine Augen wandten sich wieder der Waffe zu. Ich stockte, was er mit einem breiteren Lächeln quittierte.

„Ja, Sherry, das ist deine. Ich erinnere mich, dass du sie von mir bekommen hast“
Ich presste die Lippen zusammen. Super. Von der eigenen Pistole erschossen. Im selben Augenblick hasste ich mich für den Sarkasmus in diesem Moment.
„Gin…“ krächzte ich mit trockenem Mund.
„Du kannst ja noch sprechen. Ich dachte schon du hättest es verlernt.“

Ich schluckte und wandte mich zitternd zu ihm um. Er stand so nah vor mir, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spüren konnte. „Wie hast du-“ setzte ich an und verstummte schlagartig als er den Lauf seiner Beretta an die Lippen hielt.
„Shh…Ich schlage vor, dass du dir erst einmal etwas anziehst.“ seine Stimme klang  beängstigend ruhig und freundlich „Dann sehen wir weiter.“

Ich rührte mich nicht. Zittern überfiel meinen Körper und machte es mir unmöglich mich zu bewegen. Sein Gesichtsausdruck wurde noch eisiger.
„Wir können es auch hier so beenden, aber es tut mir weh dich halbnackt in deinem eigenen Blut schwimmen zu sehen. Hast du noch das Kleid? Das Rote? Es wäre doch wie geschaffen für dein großes Adieu.“

Ich hatte Angst, doch langsam setzte meine Motorik wieder ein. Vorsichtig drängte ich mich an Gin vorbei und ging, dicht von ihm gefolgt, in mein Zimmer. Natürlich hatte ich das Kleid noch, schließlich war es mein Lieblingsstück.
Unschlüssig stand ich schließlich vor meinem Schrank. Es hatte keinen Sinn sich zu weigern. Mein Schicksal war sowieso schon besiegelt, also warum sollte ich es noch unnötig schwer und schmerzvoll machen, indem ich gegen Gin agierte?
Sollte sich eine Fluchtmöglichkeit bieten…Würde ich sie wirklich ergreifen? Wollte ich das? Ewig auf der Flucht, ewig in Angst? Aber meine Überlegungen waren unnötig.
Gin würde mich nicht entkommen lassen. Nicht noch einmal.

Ich öffnete die Schranktür und versperrte ihm so die Sicht, als mein Handtuch zu Boden fiel.
„Sherry, Sherry…Genierst du dich etwa? Ich habe dich doch schon mehr als einmal, wie von Gott geschaffen, gesehen.“ hörte ich ein Lachen aus seiner Stimme? Ich verzog das Gesicht. Er hatte mich nicht nur nackt gesehen, sondern auch berührt, wie es niemand zuvor je getan hatte.
Ich antwortete nicht, sondern zog mich schweigend an. Hatte ich etwa schon aufgegeben? Offensichtlich.

Warum wehrte ich mich nicht? Rannte nicht weg, in der Hoffnung einfach nur erschossen zu werden? Ich wollte nicht sterben. Nicht jetzt, nicht hier und erst recht nicht durch seine Hand.
Als ich fertig angezogen war schloss ich die Tür und wandte mich zu Gin um. Wie er es gewollt hatte, trug ich das knielange, rote Kleid und blickte ihm emotionslos ins Gesicht.
„Wie hast du mich gefunden?“ fragte ich nach einer Weile, die er mich beobachtet hatte.
„Es war dumm von dir, deinen Namen zu behalten.“

Ich zog eine Augenbraue hoch und setze mich in Bewegung. Schnurstracks lief ich an ihm vorbei und stieg die Treppe hinab, ohne mich umzudrehen. Gin hielt mich nicht auf, sondern folgte mir und führte mich schließlich galant in mein Wohnzimmer. Dort bot er mir meinen Lieblingssessel an, als sei er der Herr des Hauses.
Zittrig seufzend zeigte ich mit dem Finger auf eine Minibar. Als ich eingezogen war, war sie randvoll gefüllt gewesen. Haufenweise Wermut, aber auch viel Gin, etwas Wodka und sogar eine verstaubte Flasche Sherry hatte ich gefunden.

„Interessant. Sie versucht es also immer wieder.“ murmelte er und tippte an eine Flasche Gin und den Wermut daneben. Fragend sah ich ihn an.
„Du weißt nicht, wessen Haus das hier ist, oder?“ belustigt blickte er in meine Richtung, stellte sowohl Gin als auch Sherry auf den Tisch und goss beides in zwei Gläser.
Ich schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Aber verrate mir, wie du hier reingekommen bist. Als wir an der Haustür vorbeigegangen sind, hat es nicht so ausgesehen, als hättest du eingebrochen.“

„Ich habe dir Tür aufgeschlossen. Mit dem hier.“ Er hielt mir einen kleinen Schlüssel unter die Nase, der meinem erschreckend ähnlich sah.  Ich hatte keinen Zweitschlüssel, also wie kam er daran? Er schien meine Gedanken zu erraten.
„Die Besitzerin dieses Hauses war so freundlich, mir den Schlüssel zu hinterlassen, solange sie im Ausland ist. Natürlich sagte sie mir, das Haus sei zurzeit bewohnt, aber ich sollte mal unauffällig nach dem Rechten sehen und ihr Bericht erstatten, wer hier wohnt. Sie hatte das Haus nämlich der Freundin des Sohnes einer Bekannten vermietet.“

Das war zu hoch für mich und ich verstand nur noch Bahnhof. „Was meinst du damit?“
Sein Lächeln gefror noch eine Spur mehr, als er mir zuprostete und das Glas an die Lippen setzte. „Wie in alten Zeiten.“ sagte er, nachdem er einen Schluck gekostet hatte. „Ich hatte ja immer gehofft, noch einmal so mit dir zusammen kommen zu können.“ Er deutete auf den Alkohol und ich kniff bei dieser anzüglichen Bemerkung die Lippen zusammen. Jedoch tat ich es ihm gleich und leerte mein Glas in einem Zug.

„Und nun verrate mir noch etwas, meine liebe Sherry. Wie bist du damals aus dem Labor entkommen? Du warst bei unserer letzten Begegnung so…unkooperativ.“
„Du wolltest mich erschießen.“ erinnerte ich ihn. „Und ich werde es dir auch dieses mal nicht sagen. Das bleibt für immer mein kleines Geheimnis und ich werde es mit ins Grab nehmen.“
Er runzelte zwar die Stirn, winkte aber ab. „Bedauerlich. Ich werde zwar schon noch dahinter kommen, aber ich hätte es lieber aus dem Mund meiner kleinen Sherry gehört.“

Ärgerlich sah ich ihn an und wunderte mich, warum er nachgab. Hatte er begriffen, dass ich mich lieber durchlöchern lassen würde, wie ein Schweizer Käse, als ihm die gewünschte Antwort zu geben? Oder war er der Lösung sowieso schon so nah, dass er nur noch eins und eins zusammen zählen musste? Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken, sonst bekam ich wegen Shinichi noch ein schlechtes Gewissen.
„Ich bin nicht mehr ,deine kleine Sherry‘. Du hast meine Frage nicht beantwortet…Gin.“

„Ah, meinen Namen kennst du auch noch. Stört es dich, wenn ich rauche?“ fragte er höflich.
„Es würde dich vermutlich nicht interessieren, wenn es so wäre.“ sagte ich und schlug die Beine übereinander, wobei mein Rock ein wenig zu weit nach oben rutschte.
Gin zündete sich eine Zigarette an und blies den Qualm in meine Richtung. „Vermutlich nicht.“ Ich lächelte ironisch und hustete.
„Also?“

Gin schien Spaß daran zu haben, mich dermaßen auf die Folter zu spannen, doch dann erbarmte er sich. „Nun, ich wollte eigentlich nur kurz durch das Fenster sehen, um sicher zu gehen, dass sich kein Schnüffler hier einquartiert hat. Es gibt hier einige Informationen über unsere Organisation, musst du wissen.“
Langsam bekam ich es noch mehr mit der Angst zu tun. Wenn er mich schon so breitwillig einweihte, dann war mein Tod also schon zum Greifen nahe.
„Doch dann…dann habe ich deinen Namen auf dem Türschild gesehen. Natürlich konnte ich nicht so einfach gehen, wo wir uns doch so lange nicht gesehen hatten.“

„Dann muss ich mich wohl für deinen Besuch bedanken.“ meinte ich und versuchte meine Stimme fest klingen zu lassen. Er lächelte nur. „Nicht doch. Das war ich dir einfach schuldig.“
„Von welchen Informationen hast du gesprochen? Ich habe nichts gefunden und glaub mir: ich habe das ganze Haus auf den Kopf gestellt, um sicher zu gehen, dass es hier keine Wanzen gibt. Diese Paranoia habe ich übrigens von dir.“ Verblüfft bemerkte ich, wie leicht es war mit ihm zu sprechen.

„Nun ja, es war mir fast klar, dass du nichts findest, schließlich residierst du im Heim einer Künstlerin. Sowohl für Verkleidung als auch für Invisibilisieren.“
Langsam ärgerte mich Gins Ratespiel. „Wessen Haus ist das?“
„Vermouths.“
Ich zuckte merklich zusammen.
„Ja, das muss ein Schock für dich sein. Natürlich wusste sie nicht, wer sich hier einquartiert, aber wenn, hätte sie mir sicher das Vergnügen deines Todes genommen.“

Wenn er sich da mal nicht irrte, dachte ich, verschwieg dies aber wohlweislich.
„Lass es uns zu Ende bringen.“ erwiderte ich nur schleppend. Hörte ich Resignation aus meiner Stimme?  „Vielleicht bin ich wenigstens im Tod vor dir sicher.“
„Tz, tz…“ machte er und wog seine, meine, Pistole in der Hand. „Bedauerst du denn nicht, welches Ende es nehmen wird?“ fragte er auf einmal ehrlich interessiert.
„Ich bereue nichts.“ sagte ich fest. „Ich bereue nicht, das Gift entwickelt zu haben. Ich bereue auch nicht, dich kennen gelernt und geliebt zu haben. Und erst recht bereue ich es nicht, die Organisation verraten zu haben. Nur den Tod meiner geliebten Schwester bedauere ich.“

„Das war ihr eigener Verdienst.“ antwortete er kalt.
„Nein, es war deiner. Ironisch, nicht? Der Mann, den ich über alles geliebt habe, tötet den Menschen, der mir im Leben stets das Wichtigste war.“
„Genug.“ Gin richtete die Waffe auf meine Stirn. Ein Kopfschuss sollte es also werden. Nun ja, das ging doch. Schön und sauber, wenn man es richtig anstellte und ich hoffte, das würde er.

„Hasst du mich nicht?“ fragte er und kam näher. Ich überlegte. Eine schwierige Frage, doch die Antwort war mir klar.
„Nein, das könnte ich nicht. Ich habe dich wirklich geliebt. Aber früher oder später führt Liebe nun einmal zu Rache. Sie sei dir gewährt. Schließlich tust du nur deine Pflicht.“ Ich konnte kaum glauben, dass ich diese Worte sprach.

„Hast du so schnell aufgegeben? Ich bin schwer enttäuscht von dir, Sherry.“
Ich auch, setzte ich in Gedanken hinzu. „Gin? Würdest du mir einen letzten Wunsch erfüllen?“
„Was?“
Ich holte tief Luft. „Tu es draußen, im Schnee. Wenn ich sterbe, dann wenigstens so.“ Er überlegte kurz und nickte dann.

Mein Herz raste, als er mir aufhalf, danach jedoch die Pistole zwischen die Schulterblätter hielt und mich langsam nach vorn dirigierte. Das Haus hatte keinen Garten also musste er es vor der Haustür machen. Aber das war wohl nicht weiter schlimm: es war schon spät, die Häuser hier lagen weit auseinander und vermutlich hatte er wie immer einen Schalldämpfer in der Tasche.
Ein wenig traurig blickte ich meinem Heim nach, das sich Schritt für Schritt entfremdete. Wir passierten die Wohnzimmertür und gingen langsam durch den langen Flur.

Mein Blick richtete sich auf den Schrank, aus dem er meine Pistole genommen hatte, auf die knarrende Treppe, für die der Handwerker jetzt wohl nicht mehr nötig war, durch die Küchentür und heftete sich schließlich auf die Haustür.
Mit zitterndem Seufzen ergriff ich die kalte Klinke und drückte sie hinunter. Ein eisiger Lufthauch fuhr mir entgegen und verirrte Schneeflocken wirbelten herein.
Ich wandte mich zu Gin um und sah ihn mit einem Ausdruck an, den ich selbst nicht beschreiben konnte. Es war eine Mischung aus Angst, Wut, Traurigkeit und Erwartung.
Und Sehnsucht, wie ich mir wohl knirschend eingestehen musste.

Dann bewegte sich mein Körper von alleine. Ohne etwas tun zu können trat ich dichter an den schwarzgekleideten Mann heran und genoss, ja ich genoss, seinen kalten alkoholischen Atem an meiner Stirn.
Gin sah mich an, tat jedoch nichts, während in meinem Kopf sämtliche Alarmglocken Amok liefen. Nein!, schrie ich mir in Gedanken zu, doch meine Hände ignorierten den Befehl. Begierig umschlossen sie sein Gesicht, während ich mich auf die Zehnspitzen stellte und meine Lippen auf seine drückte.

Dachte ich wirklich gerade daran, wie sehr ich seinen Geschmack vermisst hatte? Was war denn auf einmal los mit mir? War ich denn wahnsinnig? Ich küsste gerade den Mann, der mir die letzten Jahre die grausamsten Albträume beschert hatte, der mich gejagt und verletzt und meine Schwester getötet hatte. Ich versuchte krampfhaft zu verdrängen, dass er auch jener war, den ich einmal sehr geliebt hatte und es auch der war, der mich töten wollte.
Ein leises Wimmern kam aus meinem Mund und auf einmal begann der Kuss salzig zu schmecken. Weinte ich? Vermutlich. Seltsam, ich weinte doch fast nie.

„Verdammtes Helsinki-Syndrom!“ presste ich auf einmal hervor.
„Stockholm-Syndrom, Sherry.“ murmelte Gin an meinen Lippen.
Ich schniefte und all meine angesammelte Kraft, die Maske, die ich getragen hatte, schien langsam zu zerbrechen. „Tu es, Gin, bitte. Bald habe ich keinen Mut mehr.“
„Dachtest du, du könntest mich so umstimmen?“ fragte er. Ich konnte nicht erkennen, ob er verärgert war, aber ich nahm es an. Wenn er sich getäuscht fühlte…Ich wagte es nicht, zu Ende zu denken.

„Niemals.“ antwortete ich und wandte mich ab. Langsam schritt ich auf die Türschwelle zu und blieb auf ihr stehen. Der weiße Schnee würde unter meinen nackten Füßen wie Feuer brennen und die kalte Luft meine Arme und Beine verglühen.
Ich hörte hinter mir, wie er die Pistole entsicherte. Natürlich hatte er es vorher nicht getan. Ihm war klar, dass ich nicht weglaufen konnte.
Ich drehte mich wieder zu ihm und blickte in den Lauf der Waffe. Er zielte erneut auf meine Stirn, sehr schön, also war er nicht zu wütend. Vielleicht empfand er sogar etwas wie Bedauern. Oder Mitleid. Ich wagte es nicht, ihn danach zu fragen.

Ein letztes mal sah ich ihn an, musterte seine Gestalt und schloss dann die Augen um die ewige Nacht zu empfangen.
Ein Schuss fiel, etwas riss mich zu Boden und meine Augenlieder flatterten. War das der Tod? Ich hatte es mir anders vorgestellt zu sterben. Erneut erklang ein Schuss. Ruckartig riss ich die Augen auf. Ich war nicht tot?

Keuchend stemmte ich meinen Oberkörper auf und sah Gin auf dem Boden liegen. Blut rann an seinem Arm hinab und bildete eine kleine Pfütze auf dem Holz. Hastig robbte ich zu ihm und fühlte nach seinem Puls, als ich eine Stimme hinter mir vernahm.
„Weg von ihm!“
Ich fuhr herum, gehorchte jedoch sofort und rutschte ein Stück auf Seite. Shinichi stand in meiner Haustür und hielt ebenfalls eine Pistole in der Hand. Man musste kein besonderes Genie sein, um zu erkenn, dass er auf Gin geschossen und mich zu Boden gerissen hatte.

„Shinichi.“ keuchte ich und versuchte aufzustehen. Die Wucht, mit der ich zu Boden gefallen war, war enorm gewesen. Bestimmt hatte ich mir eine Rippe gebrochen…Aber das war nun wirklich meine geringste Sorge. „Was tust du hier?“
„Du bist nicht an dein Handy gegangen und da habe ich mir Sorgen gemacht.“
Ich nickte. Mein Handy lag vermutlich noch in meiner Hosentasche oben im Bad.

Plötzlich wurde ich zur Seite gezogen und spürte kaltes Metall an meiner Schläfe. Shinichi und ich hatten beide nicht aufgepasst. Gin hatte sich blitzschnell aufgerappelt und mich mit seinem unversehrten Arm zu sich gezogen.
„Na wenn das nicht der kleine Möchtegern-Detektiv ist.“ ließ er sich vernehmen und lachte.
Sofort richtete Shinichi seine Waffe auf ihn.

„Langsam verstehe ich dein kleines Geheimnis, Sherry.“
Ich holte tief Luft. „Gar nichts verstehst du. Lass ihn gehen, Gin,  das geht nur uns beide etwas an.“
Er lachte wieder, diesmal leiser. „Tut mir Leid, meine süße Sherry, aber das wird wohl kaum möglich sein. Und du Junge, leg die Pistole hin. Langsam!“ Shinichi starrte ihn an.
„Tu was ich sage, oder die Kleine geht drauf!“ Ich spürte erneut einen dumpfen Schlag an meinem Kopf.

Kudo, dieser Trottel, gehorchte Gin tatsächlich und kickte die Waffe mit dem Fuß in unsere Richtung anstatt ihn zu erschießen. Was dachte er denn, was Gin mit mir vorgehabt hatte?  „Nimm die Munition raus, Sherry.“
Wiederwillig folgte auch ich seiner Anweisung. Was sollte ich denn jetzt noch machen? Da hatte ich mir schon vorgenommen halbwegs ehrenhaft zu sterben und nicht mal das funktionierte wie ich es mir dachte.

„Warum warst du nicht gleich so kooperativ, Sherry?
„Nimm deine dreckigen Pfoten von ihr!“ Shinichis Stimme überschlug sich fast vor Wut, als Gin mein Haar mit seinen Lippen berührte.
Er lächelte nur boshaft. „Gefällt es dir nicht, wenn ich deine kleine Freundin anfasse?“ fragte er und fuhr absichtlich langsam und offensichtlich über die Rundungen meines Körpers.
„Gin!“ zischte ich und wand mich in seinem Griff.

„Lass sie los!“ forderte Shinichi und machte einen Schritt auf uns beiden zu, blieb aber ruckartig stehen, als Gin mir den Lauf der Pistole noch stärker in die Schläfe drückte.
„Ruhe. Ich überlege gerade, wen ich zuerst schlafen lege: dich oder sie.“ Es machte ihm Spaß, das wusste ich. In Shinichis Augen glitzerte Hass und Angst, während ich nur ruhig da stand und darauf wartete, dass es endlich vorbei war.
Diese Schwäche gefiel mir gar nicht.

„Gin…“ begann ich „Lass ihn gehen, er hat doch nichts damit zu tun. Er hat doch keine Ahnung, worauf er sich hier eingelassen hat. Töte mich und du wirst ihn nie wieder sehen.“
„Niemals!“ fuhr der Trottel dazwischen. Toll, da spielte ich schon die aufopfernde Heldin und er? Er machte natürlich alles kaputt.
Ich wollte gerade erneut meine Überredungskünste einsetzen, als ich plötzlich die Sirenen von mehreren Einsatzfahrzeugen hörte. Gins Augen weiteten sich mit einer Spur Entsetzen.

„Überrascht?“ fragte Shinichi und grinste ihn hämisch an. „Damit hast du wohl nicht gerechnet, was? Da ich mich seit einer Stunde nicht bei meinem Partner gemeldet habe, hat er automatisch die Polizei informiert.“
Ich war nicht minder überrascht als Gin. Mit Partner konnte er nur den Professor meinen. Ich unterdrückte das Verlangen, den Kopf zu schütteln. Nicht mal der Secret Service bewachte den amerikanischen Präsidenten besser, als die beiden mich.

„Mach die Tür zu!“ fauchte Gin und nickte Richtung Haustür. Ich hatte bereits aufgehört mich zu wundern, dass meine Nachbarn von dem Schusswechsel wirklich nichts mitbekommen hatten.
Shinichi gehorchte widerwillig, da ich immer noch eine Knarre am Kopf hatte. Trottel. Als ob er oder die Polizei mir noch helfen könnten. Mein Leben lag in Gins Hand.
„Vergiss das Ganze, Gin. Die Polizei ist in wenigen Minuten hier.“ ließ er sich vernehmen.

Dann ging alles sehr schnell. Gin stieß mich zur Seite, dass ich zum wiederholten mal auf meinem Allerwertesten landete, und schoss auf Shinichi. Dieser warf sich zu Boden und versuchte so der Kugel zu entkommen, aber er konnte Gins Schuss nicht ausweichen. Natürlich nicht. Gin war der beste Schütze, den ich kannte.
Allerdings sah es nur so aus, als hätte er ihn an der Schulter erwischt. Ich hoffte, es war nicht sein Gelenk, denn das tat wohl sehr weh.
Schlimmer war, dass er sich den Kopf an der Treppe gestoßen hatte. Eine große Platzwunde prangte an seiner Stirn und hatte ihn in eine tiefe Bewusstlosigkeit fallen lassen.

Zitternd holte ich Luft, als Gin neben mir in die Knie sank und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an die verwundete Stelle fasste.
Eine Stimme vor meiner Tür ertönte. Die Polizei forderte den Verbrecher auf, mit erhobenen Händen hinaus zu kommen. Das ganze Haus wäre umstellt.



Ich hatte mir oft versucht auszumalen, wie Gins Gesicht aussehen würde, wenn die Polizei ihn fassen würde, aber mit dem was ich zu sehen bekam hatte ich nicht gerechnet.

Ich sah nichts. Keine Regung.

Ich schluckte. Gleich würde die Polizei das Haus stürmen.
Mit wackeligem Finger zeigte ich auf den Schrank. „Gin…Unter dem Schrankboden ist ein Schacht. Er führt in eine Überleitung der Kanalisation.“ Dann wandte ich mich ab und kroch zu Shinichi.
„Sherry…“
Ich sah ihn über meine Schulter hinweg an. Er hatte die Waffe weggesteckt und stand mit einem Bein in der Schranktür. „Das war nicht das letzte mal, dass wir uns gesehen haben.“

Ich nickte. Natürlich würde er nicht aufhören mich zu jagen. Aber er würde mich nicht so stillos sterben lassen. „Ich habe nichts anderes erwartet, aber ich werde es dir nicht zu leicht machen. Du wirst mich suchen müssen.“
„Du bist eine Verräterin, Sherry. Und für Verräter gibt es keinen Zufluchtsort mehr.“ Damit schloss er die Tür hinter sich und ich hörte, wie das Holz des Bodens wieder in seine ursprüngliche Form zurückklappte.
Seufzend stützte ich Shinichi auf meine Schulter und trug ihn nach draußen, wo uns Inspektor Megure, sowie Takkagi, Sato und Chiba empfingen.

Ich erzählte ihnen, dass sich ein Einbrecher Zutritt verschafft und mich mit einer Waffe bedroht hatte. Shinichi, der inzwischen in einem Krankenwagen abtransportiert wurde, hatte versucht, mich aus der Gewalt des Mannes zu befreien und war vor seine Pistole geraten. Natürlich trug der Mann eine Strumpfmaske, weswegen ich sein Gesicht nicht erkannt hatte. Der schwarze Porsche vor meiner Haustür gehörte einem Freund.

Nach der Vernehmung seufzte ich und war dankbar für einen Mantel und ein Paar Schuhe, die man mir gereicht hatte. Die Polizisten waren damit beschäftigt den Tatort zu inspizieren und beachteten mich nicht weiter, nachdem ich psychologische Beratung abgelehnt hatte.

Ich spürte Gins Blick auf mir, auch wenn ich ihn meinerseits nicht sehen konnte. Warum hatte ich ihm zur Flucht verholfen? War ich denn irre, oder nur leicht masochistisch veranlagt? Ich konnte er mir nicht erklären, und Shinichi dann wohl erst recht nicht.
Der Abend hatte mich gehörig verwirrt. Meine Gefühle hatten Achterbahn gespielt und ich war nicht wirklich schlau aus ihnen geworden.
Gin. Ich schüttelte den Kopf. Ich war nicht mehr in ihn verliebt, redete ich mir ein, sondern hatte Angst gehabt. Der Alkohol hatte meine Sinne vernebelt. Punkt.

Ich schüttelte den Kopf und sah mich noch einmal nach ihm um. Er würde vermutlich morgen seinen Wagen abholen und dann eine Weile untertauchen müssen. Für den Fall, dass doch irgendjemand etwas mitbekommen hatte. Ich würde jedoch nicht mehr da sein, um das mit zu erleben und überlegte fieberhaft, wo ich mich jetzt verstecken konnte.
Nichts hatte sich verändert. Er war der Jäger, ich die Gejagte. Nur mit dem Unterschied, dass ich mit wirren Gefühlen und Gedanken zu kämpfen hatte.

Seufzend schloss ich die Augen und atmete die kalte Winterluft ein. Bald schon, so war ich sicher, würden wir uns wieder sehen. Und irgendwie freute ich mich darauf, wenn auch nur ein ganz kleines bisschen…

Carpe Noctem  
  Es ist traurig eine Ausnahme zu sein


aber noch viel trauriger
keine zu sein
 
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